Sehr geehrter Herr Hiller,
mit Erstaunen habe ich Ihre Seite "Die Internet-Schiene" entdeckt.
Diese Seiten haben in mir einige Fragen aufgeworfen und ich hoffe, das Sie mir diese Fragen beantworten können.
Mehrfahch schreiben Sie auf Ihrer Seite im Zusammenhang mit Berliner S-Bahnen von "Traditionsfarben". Da ich mit einem kleinen Forscherteam seit ca. 2 Jahren versuche alles über die Tradition herauszufinden, frage ich mich nun, worauf sich Ihre Behauptung stützt, das die Farbkombination Gelb-Rot (oder jede Farbe für sich) eine Traditionsfarbe darstellen. Insbesondere frage ich mich hierbei, ob diese Farben global als Traditionsfarben zu betrachten sind oder lediglich regional auf Berlin oder Deutschland bezogen.
Da Sie ja zwei eigene Farben pauschal als "Traditionsfarbe" bezeichnen, möchte ich ebenfalls genau wissen, ob hierbei die Farbe gemeint ist, die ein Gemisch von Gelb und Rot ergeben oder jede Farbe für sich eine Traditionsfarbe ist.
In der Hoffnung auf eine informative Antwort verbleibe ich
mit freundlichen Grüssen
Denis Roters
DIE ANTWORT:
Hallo!
Der Begriff "Traditionsfarben" in Bezug auf die Berliner S-Bahnwagen ist schon älter. Heute wird er für die typische Lackierung verwendet: gelbes Fensterband, darunter der rote Bereich --> beides durch einen schwarzen Strich abgesetzt. Über dem gelben Fensterband ist noch eine schwarz-rot-schwarze Zierleiste. Dieses Farbschema wird seit Ende der 30er Jahre für die Wagen der 3. Wagenklasse benutzt. Bis 1946 gab es noch die 2. Wagenklasse, die statt gelb ein blaues Fensterband hatte.
Das Farbschema der Berliner S-Bahn wurde mit der "Großen Elektrisierung der Berliner Stadt-, Ring- und Vorortstrecken" eingeführt und benutzte das neue Farbschema der Deutschen Reichsbahngesellschaft der 20er Jahre für den Nahverkehr. Die meisten Personenzüge (Eilzüge, D-Züge, etc.) waren zwar grün lackiert. Aber dort, wo es einen besonders ausgewiesenen Nahverkehr gab, lehnte man sich an das moderne Schema an. Das traf beispielsweise auf den elektrischen Nahverkehr im mitteldeutschen Netz zwischen Halle und Leipzig zu oder auf den legendären Elektrotriebzug im schlesischen Netz, dem "Rübezahl".
Eine ähnliche Fahrbaufteilung besaßen auch die Schnelltriebwagen der DRG, wie der Fliegende Hamburger (mit violetter Farbe statt rot), der Fliegende Kölner oder der Fliegende Breslauer. Die unterschiedlichen Wagenklassen kennzeichnete man dort allerdings mit einem einem farbigen Balken unter dem Dach (1. Klasse = gelb?, 2. Klasse ohne).
Zurück zu den Berliner Traditionsfarben. Als am 8. August der erste elektrische Vorortzug nach Bernau fuhr, waren die Wagen (Versuchszüge und Bauart Bernau) noch grün und hatten mit der heutigen S-Bahn wenig zu tun. Die nachfolgende Generation von 50 Viertelzügen (Zweiwageneinheiten) der Bauart "Oranienburg" war auch noch grün, aber im Wagenbau legte man den Grundstein für die erfolgreiche Bauart Stadtbahn, die ab 1927 ausgeliefert wurde. Die Prototypen hatten noch eine ganz andere Lackierung, die überhaupt nicht eisenbahntypisch war sondern sich eher an die Berliner U-Bahn anlehnte (Bis in die 20er Jahre gelbe Wagen = zweite Klasse, rote Wagen = erste Klasse. Kurz darauf wurden die Wagenklassen abgeschafft und die Farben für Raucher/Nichtraucher benutzt --> gelb = Nichtraucher, rot = Raucher).
Die Serienzüge der Bauart Stadtbahn -- insgesamt wurden rund 1200 Wagen geliefert -- bekamen dann die neue Nahverkehrslackierung der Deutschen Reichsbahn. Im Gegensatz zu heute war das Gelb sehr stark ockerfarben (auch das heutige gelb geht ins Ocker, aber längst nicht so stark). Das Rot war etwas dunkler als heute und die zweite Wagenklasse war türkisblau. Zwar gab es damals schon die schwarze "Bauchbinde" (aus konstruktiven Gründen war dort ein Stahlband, das schwarz abgehoben wurde). Aber die schon beschriebene Dachkante schwarz-rot-schwarz gab's noch nicht. Einige Besipiel finden sie hier, wo u. a. der S-Bahnmuseumszug abgebildet ist: http://www.hisb.de/fahrzeuge/index.html , http://www.hisb.de oder http://www.stadtbahner.de/
Bei der Deutschen Reichsbahn hielt sich das Vorkriegsschema nach dem Krieg noch weitaus länger als bei der Bundesbahn, die schon in den 50er Jahren begann, ihre Züge umzulackieren (und das bis heute leider immer wieder tut, so daß man keine klare Linie erkennen kann).
Aber letztlich war mit der Farbgebeung von 1927 der Grundstein gelegt und seitdem sind sowohl Berliner als auch Berlinbesucher diese Farben gewöhnt. Mehrere Versuche, die Farben zu ändern, schlugen fehl: Während des Zweiten Weltkrieges wollte man aus Sparsamkeit die Züge grau lackieren. Aber die Reichsbahndirektion Berlin wies nach, daß dem nicht so sei und daß diese Farbpigmente erst recht kriegswichtig seien. Und über die verschiedenen Versuche in Berlin blaue Züge zu etablieren, habe ich ja bereits auf meiner Homepage etwas geschrieben.
Warum die Berliner an diesen Traditionsfarben so festhalten, ist relativ einfach zu erklären: In einer Stadt wie Berlin, wo sich alle Nase lang etwas ändert, halten die Bewohner an wenigen Traditionen fest, was dem Außenstehenden merkwürdig vorkommen mag. Aber diese Traditionen -- wie die S-Bahnfarben -- bilden ein wichtiges Stück Berliner Identität
Gruß Mathias